Morbus Krabbe

Synonyme: Krabbe-Krankheit oder oder Globoidzellen-Leukodystrophie

Eine erbliche Krankheit des Nervensystems, bei der aufgrund eines Stoffwechselfehlers die schützende Myelinschicht um die Nerven zerstört wird

Author: Prof. Dr. Alfried Kohlschütter, Stand Jan 2016

 

Um was handelt es sich bei dieser Krankheit?

Bei Leukodystrophien wird die weißliche Myelinschicht (Leuko = weiß) um die die Nerven herum, die auch Markscheide genannt wird und der elektrischen Isolierung dient, zerstört (dystroph = ernährungsgestört). Die Markscheiden werden im Gehirn von spezialisierten Zellen, den Oligodendrozyten, hergestellt und unterhalten. Bei der nach einem Arzt benannten Krabbe-Krankheit sterben die Oligodendrozyten ab, und das Myelin geht zugrunde. Dabei bilden sich sog. Globoidzellen.

Was ist die Ursache der Krabbe-Krankheit?

Das Absterben der für das Myelin verantwortlichen Oligodendrozyten beruht auf einem erblichen Stoffwechselfehler. Im Rahmen des normalen Gehirnstoffwechsels wird Galaktocerebrosid, ein Fettstoff des Nervengewebes, durch das Enzym Galaktocerebrosidase abgebaut. Gleichzeitig baut dieses Enzym noch einen anderen Stoff ab, das Psychosin. Die Herstellung des Enzyms kann durch Fehler im Erbmaterial (Mutationen im verantwortlichen Gen) gestört sein. Als Folge häuft sich Galaktocerebrosid in den Globoidzellen an. Das ebenfalls angehäufte Psychosin ist giftig und lässt vor allem die empfindlichen Oligodendrozyten absterben. Bei seltenen Sonderformen der Krankheit ist nicht das Enzym selbst betroffen sondern ein dabei benötigter Aktivatorstoff.

Was bedeutet Erblichkeit bei der Krabbe-Krankheit?

Die Krankheit wird autosomal-rezessiv vererbt. Das bedeutet, dass die Eltern zwar selbst gesund sind, da unsere Erbanlagen doppelt vorhanden sind und bei den Eltern neben dem fehlerhaften Gen auch ein gesundes Gen vorliegt, das für einen normalen Stoffwechsel sorgt. Wenn aber beide Eltern ihr fehlerhaftes Gen an ein Kind vererben, wird es erkranken. Gesunde Geschwister des erkrankten Kindes können Anlageträger der Krankheit oder überhaupt nicht betroffen sein. Bei einer weiteren Schwangerschaft der Mutter besteht ein Risiko für das Widerauftreten der Krankheit von 25%, doch gibt es die Möglichkeit, nach pränataler Diagnostik nur ein nichterkranktes Kind auszutragen oder eine Stammzelltransplantation gleich nach der Geburt vorzubereiten.

Welche Formen von Krabbe-Leukodystrophie gibt es?

Je nach dem Lebensalter bei Beginn der Erkrankung unterscheidet  man die klassische infantile Form der Krabbe-Leukodystrophie („Säuglings-Krabbe“) und später beginnende Krabbe-Formen („Spät-Krabbe“).

Wie verlaufen die verschiedenen Formen der Krabbe-Krankheit?

Der klassische infantile M. Krabbe beginnt bei zuvor unauffälligen Säuglingen im Alter von 4-6 Monaten mit Unruhezuständen, Reizbarkeit und zunehmender Versteifung der Glieder. Epileptische Krämpfe können hinzutreten. Die Kinder entwickeln eine auffällige Körperhaltung mit überstrecktem Rücken und bewegen sich kaum noch. Sie werden schreckhaft, erblinden, bekommen Schluckstörungen und leben selten länger als ein Jahr.
Bei den spät beginnenden Sonderformen der Krabbe-Krankheit treten grundsätzlich dieselben Symptome auf, doch ist der Krankheitsverlauf sehr in die Länge gezogen. Der Beginn kann im Schulalter liegen und sich bis ins Erwachsenenalter hinziehen. Experimentelle Behandlungsversuche haben hier daher deutlich mehr Chancen als bei der Säuglingsform.

Wie wird die Krabbe-Krankheit diagnostiziert?

Die Erkennung der klassischen Form beruht auf dem raschen Fortschreiten einer Nervenkrankheit des Säuglings, bei der sich spastische Versteifungen entwickeln und gleichzeitig die Muskelreflexe nicht auslösbar sind, da auch die peripheren Nerven betroffen sind. Letzteres ist durch Messung der Nervenleitgeschwindigkeit erfassbar. Die Magnet-Resonanz-Tomographie (MRT, „Kernspin“) des Gehirns zeigt Veränderungen der weißen Substanz. In der Hirn-Rückenmarksflüssigkeit (Liquor) ist der Eiweißgehalt erhöht. Bei spät beginnenden Formen der Krabbe-Krankheit können das Eiweiß im Liquor und die Nervenleitgeschwindigkeit normal sein.
Entscheidend für die Bestätigung der Diagnose ist der Nachweis des Fehlens der Aktivität des Enzyms Galaktocerebrosidase in weißem Blutkörperchen oder in Fibroblastenzellen, die aus einer kleinen Hautprobe gezüchtet werden.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Da es, jedenfalls bei der Säuglingsform, noch keine wirksame Heilmethode gibt, muss man dem Kind das Leben erträglich zu machen versuchen. Vorübergehend können Schmerz- und Beruhigungsmittel sinnvoll sein. Treten Schluckstörungen auf, die das Füttern schwierig machen, ist das Einpflanzen einer Ernährungssonde in den Magen ein kleiner Eingriff, der große Erleichterung bringt. Er sollte nicht zu lange herausgezögert werden.
Seit einigen Jahren werden Versuche mit der sehr frühen Transplantation von Stammzellen aus Knochenmark oder aus Nabelschnurblut gemacht. Eine solche Behandlung in den ersten Lebensmonaten kann eine Abmilderung und Stabilisierung der Krankheit bewirken, bleibt aber bisher problematisch. Bei den Spätformen der Krankheit sind Versuche mit Knochenmarkübertragung von geeigneten gesunden Spendern in einigen Fällen ermutigend verlaufen und haben das unaufhaltbare Fortschreiten der Krankheit offenbar aufgehalten. Diese Behandlung ist allerdings belastend und risikoreich. Das Pro und Contra ihrer Anwendung muss daher in jedem Einzelfall frühzeitig kritisch abgewogen werden.

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