Aicardi-Goutières Syndrom

Autoren: Dr. med. Victoria Tüngler & Prof. Dr. med. Min Ae Lee-Kirsch, Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus, Technische Universität Dresden

Stand: Juni 2016

Was für eine Krankheit ist das Aicardi-GoutIères Syndrom?

Das Aicardi-GoutiIères Syndrom (AGS) ist eine seltene Erkrankung, die zu einer entzündlich bedingten Leukodystrophie führt. Bei einer Leukodystrophie sind die Myelinzellen, welche die Nervenfasern umhüllen, beeinträchtigt. Sie ähneln in ihrer Funktion der Isolierschicht eines elektrischen Kabels. Ohne diesen Schutz kommt es zu einer Störung der Reizweiterleitung der Nervenbahnen im Gehirn. Auch die Nervenzellen werden in Mitleidenschaft gezogen und gehen unter. Entzündliche Veränderungen können beim AGS auch an der Haut der Hände und Füße oder im Gesicht auftreten.

Was sind die Ursachen Aicardi-GoutIères Syndroms?

Das AGS wird durch eine genetisch bedingte Störung des Immunsystems hervorgerufen. Ursache sind Genveränderungen (Mutationen). Gene sind Träger von Erbinformation und enthalten die Baupläne für Eiweißbausteine unserer Zellen. Bis heute sind Mutationen in sieben verschiedenen Genen (TREX1, RNASEH2A, RNASEH2B, RNASEH2C, SAMHD1, IFIH1, ADAR) beschrieben worden, die ein AGS verursachen können. Die Genveränderungen führen dazu, dass bestimmte Bestandteile aus dem normalen Stoffwechsel der Zelle, sogenannte Nukleinsäuren, nicht mehr abgebaut werden. Dies führt dazu, dass das Immunsystem diese Nukleinsäuren fälschlicherweise als körperfremde Bestandteile von Viren betrachtet und attackiert. Auf diese Weise wird die Immunabwehr in Gang gesetzt und eine Entzündung ausgelöst, obwohl keine virale Infektion vorliegt. Kennzeichen der Immunaktivierung ist die erhöhte Aktivität von Typ 1-Interferon, einem Botenstoff des Immunsystems.

Wie wird das Aicardi-GoutIères Syndrom vererbt?

Das AGS wird in den meisten Fällen autosomal rezessiv vererbt. Dies bedeutet, dass beide Kopien des ursächlichen Genes bei einem Betroffenen verändert sind. Beide Eltern sind jeweils gesunde Anlageträger einer veränderten Genkopie, die sie an ihr betroffenes Kind weitergegeben haben. In seltenen Fällen kann bereits eine veränderte Genkopie ein AGS hervorrufen. Eine genetische Beratung kann betroffene Familien helfen, um sich über Fragen zum Wiederholungsrisiko und zu Möglichkeiten einer vorgeburtlichen Diagnostik zu informieren.

Wie verläuft die Erkrankung?

Das AGS beginnt meist in den ersten Lebensmonaten relativ plötzlich mit ruckartigen Bewegungsstörungen (Dystonie) sowie epileptischen Anfällen, die von Fieberschüben begleitet sein können. In der Bildgebung des Gehirns finden sich häufig Verkalkungen. Manchmal besteht ein zeitlicher Zusammenhang zwischen dem Beginn der Erkrankung und einem Infekt. Typisch sind Schreiattacken und Schlafstörungen. Daneben können entzündliche Veränderungen der Haut, in seltenen Fällen auch der Leber, der Gelenke oder Blutbildveränderungen auftreten. Der fortschreitende Untergang von Gehirnzellen führt dazu, dass das Schädelwachstum zurückbleibt und die körperliche und geistige Entwicklung schwer beeinträchtigt ist. Die Kinder entwickeln meist eine spastische Lähmung der Arme und Beine und haben Probleme den Kopf und den Rumpf aufrecht zu halten.

Wie wird das Aicardi-Goutilères Syndrom diagnostiziert?

Die Diagnose kann durch den Nachweis von Genveränderungen in den bisher bekannten AGS auslösenden Genen (TREX1, RNASEH2A, RNASEH2B, RNASEH2C, SAMHD1, IFIH1, ADAR) gesichert werden. Die erhöhte Aktivität von Typ 1-Interferon kann durch die Bestimmung der sogenannten Interferon-Signatur im Blut nachgewiesen werden.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Bisher gibt es keine ursächliche Therapie für Patienten mit AGS. Es gibt es jedoch Medikamente, mit denen sich einige Symptome wie beispielsweise epileptische Anfälle oder eine Spastik behandeln lassen. Im akuten Entzündungsschub können gelegentlich Steroide hilfreich sein. Wichtig sind eine vielseitige Förderung des Kindes sowie physiotherapeutische Maßnahmen.

 

An wen können Sie sich bei Fragen zum Aicardi-GoutIères Syndrom wenden ?

Für Fragen über das AGS, insbesondere zur Diagnostik, stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

Dr. med. Victoria Tüngler: victoria.tuengler@uniklinikum-dresden.de

Prof. Dr. med. Min Ae Lee-Kirsch: minae.lee-kirsch@uniklinikum-dresden.de

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