PMS

Dr. med. Steffi Dreha-Kulaczewski (Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Universitätsmedizin Göttingen)

Bearbeitungsstand Jan. 2016

Das Pelizaeus-Merzbacher Syndrom ist eine Leukodystrophie

Das Pelizaeus-Merzbacher Syndrom (PMS) gehört zu der Gruppe der Erkrankungen der weißen Hirnsubstanz, auch Leukodystrophien genannt. Die weiße Hirnsubstanz, als Myelin oder auch als Markscheiden bezeichnet, umhüllt die Nervenfortsätze im Gehirn und dient somit deren Schutz, Ernährung und elektrischer Isolierung. Erkrankungen führen dazu, dass die weiße Hirnsubstanz entweder nicht richtig aufgebaut wird oder in ihrer Erhaltung gestört ist. Das PMS selbst beruht auf einer erblichen Störung der Bildung von Myelin, was zu einem Myelinmangel führt. Man spricht daher auch von einer „Hypomyelinisierung“.

Was ist die Ursache des Pelizaeus-Merzbacher Syndroms?

Ursachen für die Erkrankung sind Fehler im PLP1-Gen, das die Herstellung eines wesentlichen Bestandteils des Myelins, des Proteolipid-Proteins reguliert. Außergewöhnlich ist die Vielfalt der Fehler, die in diesem Gen auftreten können. Mehrere Kopien des Gens, das vollständige Fehlen oder Veränderungen in nur einzelnen Aminosäuren verursachen die Erkrankung. Jeder der Genfehler führt zu anderen Erscheinungsformen und Schweregraden der Erkrankung.

Wie verläuft die Krankheit?

Beim PMS unterscheidet man verschiedene Formen in Abhängigkeit davon, wie ausgeprägt die Symptome sind. Die Krankheitsformen gehen fließend ineinander über, wobei die schwere, die connatale Form auf der einen Seite des Spektrums und die Spastische Paraparese Typ 2 mit sehr milden Symptomen auf der anderen Seite steht.

Die connatale Form ist die schwerste und erste Symptome treten in der Regel bereits unmittelbar nach der Geburt oder in den ersten Lebenswochen auf. Zu den ersten Anzeichen gehören unter anderem Augenzittern (Nystagmus), eine Schluckstörung sowie ein schwacher Muskeltonus des gesamten Körpers (floppy infant). Zudem können auffällige Atemgeräusche (Stridor) oder Krampanfälle beobachtet werden. Im weiteren Verlauf nehmen die Kinder nur langsam an Gewicht zu. Die schwere motorische Entwicklungsstörung tritt deutlich hervor und der anfangs schwache, herabgesetzte Muskeltonus wandelt sich in eine Spastik. Kinder mit der connatalen Form entwickeln zwar keine Sprache dennoch verstehen sie in der Regel viel. Die Lebenserwartung ist leider deutlich herabgesetzt und viele versterben bereits im Kleinkindalter.

Etwa 60% aller betroffenen Kinder entwickeln ein klassisches PMS, was damit die häufigste Form darstellt. Auch hier kann ein Nystagmus, also ein Augenzittern beobachten werden, allerdings weniger häufig und es nimmt im Verlauf ab. Darüber hinaus treten ein schwacher Muskeltonus des gesamten Körpers und Kopfwackeln auf. Die meisten Kinder schaffen es, zwischen dem 2. und 5. Lebensjahr ihren Kopf zu halten und im Rollstuhl zu sitzen. Nur wenige allerdings kommen zum freien Laufen. Meist werden Hilfsmittel wie ein Walker zur Unterstützung eingesetzt. Leider verlieren ein Großteil der Patienten diese Fähigkeit im frühen Jugend- bzw. Erwachsenenalter aufgrund der zunehmenden Spastizität vor allem der Beine. Häufig bleiben die Kinder auch kleiner und zarter. Das Sprechen erlernen bei dieser Form nur wenige richtig. Trotz allem sind die kognitiven Fähigkeiten der Mehrheit der Kinder erstaunlich gut und zeigen eine erfreuliche Entwicklung. Es sind hier vor allem die motorischen Symptome, die im Vordergrund stehen.

Bei dem PLP1 Null-Syndrom fehlt das ganze PLP1-Gen. Dies führt zu einem ähnlichen Krankheitsbild allerdings milder ausgeprägt mit Ataxie und leichter Spastizität. Die Kinder erlernen das Laufen und Sprechen. Einen Nystagmus beobachtet man hierbei gewöhnlich nicht.

Die Spastische Paraparese Typ 2, die mildeste Form, zeigt sich durch eine zunehmende Spastizität der Beine. Später im Verlauf können Nystagmus, Sprachschwierigkeiten, gestörte Bewegungskoordination und Blasenfunktion hinzukommen. Die Symptome sind sehr viel schwächer ausgeprägt als bei der klassischen Form.

Wie wird das Pelizaeus-Merzbacher Syndrom diagnostiziert?

Da es sich um eine seltene Erkrankung handelt, ist der Weg bis zu einer Diagnose oft sehr langwierig. Durch die beschriebenen Symptome allein, kann die Krankheit nicht ausreichend diagnostiziert werden. Entscheidend ist hier eine Magnet-Resonanz-Tomographie, ein MRT des Gehirns, welche das fehlende Myelin, die Hypomyelinisierung nachweist. Zur Bestätigung der Diagnose ist allerdings eine genetische Untersuchung unumgänglich.

Was bedeutet die Erblichkeit beim Pelizaeus-Merzbacher Syndrom

PMS wird über das X-Chromosom vererbt, was dazu führt, dass vor allem Jungen betroffen sind. Frauen können die Genveränderung weiter geben, ohne dass bei ihnen Zeichen der Erkrankung auftreten. Mädchen erkranken nur selten. Aus diesem Grund ist es nach der Diagnose umso wichtiger, dass Betroffene und nahe Verwandte für die Familienplanung eine genetische Beratung erhalten. Bei einer weiteren Schwangerschaft ist dann eine vorgeburtliche, sogenannte pränatale oder ggf. präimplantations Diagnostik möglich.

Häufigkeit der Erkrankung

Das PMS gehört zu den seltenen Erkrankungen. Es gibt nicht viele Studien, in denen die Häufigkeit systematisch untersucht wurde. In Japan wurde im Rahmen einer landesweiten Erhebung eine Häufigkeit von ca. 1,45:100.000 bei männlichen Neugeborenen gefunden. Eine andere Studie kam für Deutschland auf eine Häufigkeit von ca. 0,26:100.000. Eine Schätzung in den USA ergab eine Häufigkeit von 1,9:100.000.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Wie auch bei anderen Leukodystrophien sind für PMS Therapien mittels Stammzellen denkbar. Eine erste Phase 1-Studie in den USA hierzu zeigte eine gute Verträglichkeit der Prozedur und verwendeten Zellen für die Patienten. Weiterführende Studien zu Dosis und Wirkung stehen aus und sind aufgrund von Finanzierungschwierigkeiten zum jetzigen Zeitpunkt nicht in Aussicht. Andere Forschungsgruppen arbeiten mit verschiedenen Medikamenten und Grundbausteinen des Myelins wie z.B. Cholesterol in entsprechenden Mausmodellen. Bisher konnten allerdings die Ergebnisse nicht auf den Menschen übertragen werden. Da es bisher keine nachgewiesenen wirksamen Therapien für das PMS gibt, bleiben vorerst nur symptomatische Maßnahmen. Diese sollten jedoch in ihrer Bedeutung nicht unterschätzt werden. Besprechen Sie mit dem behandelnden Arzt welche Behandlung, welche Versorgung und Hilfsmittel für ihr Kind am wichtigsten sind. Allein die systematische Behandlung von Symptomen kann zu einer deutlichen Steigerung der Lebensqualität beitragen. Nicht selten leiden Patienten vor allem an sekundären Erkrankungen, die nur indirekt verursacht werden.

Was Sie selbst tun können

Machen Sie sich zum Spezialisten für das, was Ihrem Kind guttut und seien Sie kritisch gegenüber wohlgemeinten Vorschlägen von Unwissenden. Suchen Sie sich einen Kinderarzt, zu dem sie Vertrauen haben, auch wenn er kein Fachmann für diese seltene Krankheit ist. Er sollte bereit sein, sich mit einem spezialisierten Zentrum in Verbindung zu setzen. Sinnvoll ist die regelmäßige Vorstellung und Beobachtung der Entwicklung des Kindes in einem spezialisierten Zentrum durch einen Neuropädiater.

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Auswahl aus der berücksichtigten Fachliteratur

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